24.03.13

One day review more

Soooo, nach langer Pause also mal wieder eine Filmbesprechung, wie üblich zu lang und zu negativ. Den dringend nötigen Kurs „Wie rezensiere ich positiv“ habe ich nämlich immer noch nicht besucht, also merke ich einfach mal vorneweg an, dass ich den Film unglaublich großartig fand, auch wenn sich’s bestimmt wieder anders liest. :-p Und kurz als Hintergrund: Ich kannte vorher weder das Musical noch die Romanvorlage, kann daher nicht vergleichen und auch höchstens erahnen, ob einzelne Kritikpunkte immer wirklich am Film liegen.

Los geht’s: Ich fang mal damit an, was mir gefallen hat:
1.    Die Musik und der Gesang
Wie gesagt, ich kannte die Stücke vorher nicht, mit Ausnahme von „On my own“, das ich irgendwann mal in einer „Best of Musical“-Show gehört habe und toll fand. Jetzt weiß ich: Mindestens drei Stücke sind noch viel toller. Die mitreißenden Ensemble-Dinge wie „One more day“ oder „Do you hear the people sing“ haben mich sofort überzeugt, aber auch als direktes Vergleichsstück „I dreamed a dream“. Gänsehaut pur. Ich habe seit gestern einen Ohrwurm nach dem anderen und wühle mich gerade durch sämtliche Youtube-Varianten, von gefeierten Bühnenversionen bis zu Flashmobs.
Zum Gesang hatte ich im Vorfeld einige eher kritische Meinungen gehört und gelesen und war darauf vorbereitet, dass er eher mittelmäßig sein würde. Keine Spur! Klar sind das keine ausgebildeten Musicalsänger. Aber das erwarte ich auch nicht und finde es im Zweifel sogar schöner so.

2.    Ausstattung und Kostüme
Opulent, sehr passend für die Zeit (soweit ich das mit meinem Halbwissen beurteilen kann) und einfach was zum Schmachten, auch wenn ich die Kleidermode gegen Ende nicht mehr so schön finde. Die 1840er sind einfach nicht meine Zeit. :-/

3.    Anne Hathaway
Need I say more? Großartig. Ganz, ganz großartig. Sie spielt wunderbar intensiv, singt imho das beste Solo im Film und führt mal wieder eindrucksvoll vor, dass Empire-Kleider ihr einfach großartig stehen. Wobei, gibt es eigentlich irgendwas, das ihr nicht steht? Egal. Verdienter Oscar. *find* Schade, dass ihre Figur so früh stirbt.

4.    Der restliche Cast
Wie gesagt, ich habe wenig Vergleichsmöglichkeiten und kein besonders musikalisch gebildetes Gehör. Ich fand’s gut. Gerade bei Musical-Verfilmungen nehme ich im Zweifel lieber jemanden, der nicht perfekt singt, dafür aber viel Ausdruck hat. Grundidee eines Musicals ist doch gerade, dass da ganz normale Leute ihr Leben singend kommentieren. Warum sollten die alle perfekt singen können? Was jetzt nicht heißt, dass ich von jetzt an alles schief und schräg hören will. Aber mal kleinere Unsauberkeiten stören mich da echt nicht und vom Schauspiel/Typ fand ich die Rollen eigentlich alle gut besetzt, ganz besonders Fantine (siehe oben), Javert und Marius.

Und was mir nicht so gefallen hat – alles Dinge, die mir nicht direkt beim Gucken aufgefallen sind, da war ich viel zu sehr mit Schmachten beschäftigt. Aber so im Nachhinein:

1.    Die (Frauen-) Charaktere
Die Männer sind nicht viel besser (dazu Punkt 3), aber insbesondere bei den Frauen fällt mir bei näherem Hinsehen auf, dass sie echt holzschnittartig sind. Klischeefiguren ohne Hintergrund und ohne eigene Motivation, quasi ausschließlich über Männer definiert. Was eigentlich schon einen eigenen Post wert wäre. Aber mal ernsthaft:
a) Fantine: Die verführte Unschuld, die sitzen gelassen wird, in der Gesellschaft keine Unterstützung findet und daran krepiert. Überzeugend gespielt, aber letztlich nicht besonders originell und rein über diese vergangene Beziehung zu einem Mann definiert – auch in ihrem Selbstbild. Immerhin versucht sie zeitweise, dem zu entkommen, aber gerade bei „I dreamed a dream“ kommt das wieder sehr durch, so sehr ich das Lied liebe.
b) Eponine: In meinen Augen der überflüssigste Charakter des Films, was dann mein vorher geliebtes „On my own“ ziemlich abgewertet hat. „Ich liebe einen Mann, aber er liebt mich nicht, also geh ich mal sterben“. Wieder nicht besonders originell und – tadaa – über einen Mann definiert. Ich will sie schütteln und ihr einen anderen Lebensinhalt geben. Und davon abgesehen hätte ihre Aufgaben im Film auch ein anderer Chara übernehmen können, soweit ich mich erinnere. Wozu war die Figur noch mal da?
c) Cosette: Gut, ich mag schon den hohen Sopran nicht, das ist aber Geschmackssache. Sonst: Aschenputtel reloaded. Armes Mädchen, von der Stief-/Adoptivmutter ausgebeutet und vom weißen Ritter gerettet. Gut, der Prinz zum Heiraten kommt in dieser Version erst später. Aber sonst – jau. Handelt sie eigentlich irgendwann mal selbst, oder ist sie nur da, damit Marius was zum Schmachten und Valjean was zum eifersüchtigen Behüten hat?
Gesamt daher: Hngs. Ich hätte echt gern eine Identifikationsfigur gehabt, aber da muss ich wohl mal wieder bei den Männern suchen. Die allerdings auch nicht viel vielschichtiger sind. :-/

2.    Religion
Ist jetzt mein persönliches Ding, aber ich kann mit so sehr religiösen Filmen/Charakteren nicht wirklich gut. Da ist ja quasi jedes zweite Lied ein vertontes Gebet, und das Paradies am Ende fand ich dann doch etwas übertrieben

3.    Javert
Der personifizierte Rechtsstaat, bei dem nur kurz in einem Nebensatz aufschimmert, dass er auch ein Mensch ist. „I am from the gutter too“ – den entsprechenden Hintergrund und seine Beweggründe hätte ich echt gerne kennen gelernt, aber leider blieb das im Dunkeln. Weshalb sein Selbstmord am Ende irgendwie unmotiviert bleibt, obwohl die Begründungs-Szene ja lang und breit genug war. Vielleicht gibt die Vorlage auch nicht mehr her, aber ich habe das Gefühl, dass hier viel verschenkt wurde. (Ganz davon abgesehen, dass ich den Selbstmord eh dumm fand, aber das kann man der Verfilmung nicht ankreiden – zumindest vermute ich mal, dass der schon in der Vorlage da war. Trotzdem.)

4.    Die Thenardiers
Nichts gegen Comic Relief, aber irgendwie war’s mir zu viel, gerade angesichts des ernsten und tragischen Hauptplots. Helena Bonham Carter hat’s mit ihrer Großartigkeit zum Teil gerettet, aber insgesamt hätte man das etwas weniger übertrieben aufziehen können.

5.    Der fehlende Hintergrund
WARUM zum Geier revoltieren da eigentlich gerade Studenten? Wofür? Wogegen? Und warum macht das Volk nicht mit? Was hat diese Revolte am Ende gebracht? Wie kann es überhaupt sein, dass eine Gesellschaft so weiter existiert, mit einer doch offenbar großen, wachsenden und aufbegehrenden Unterschicht? Und noch so diverse andere Fragen und einfach viele Dinge, die vage bleiben. Hätte man mit einer einzigen Texttafel im Abspann zumindest ansatzweise lösen können. Hat man aber nicht. Schade. Klar kann ich auch zu Wikipedia gehen und nachlesen, hab ich ja auch gemacht. Trotzdem schade.

Und weil ich weiß, dass das jetzt doch alles wieder negativ klingt: Der Film ist wirklich schön. Ich weiß auch, dass vieles, was ich da gerne hätte, in zwei bis drei Stunden gar nicht zu leisten ist. Oder überhaupt im Rahmen eines Musicals. Und ich ahne, dass viel wahrscheinlich auch schon an der Vorlage liegt. Wobei ich die unbedingt mal lesen möchte und auch sehr hoffe, dass da z.B. mehr Hintergrund und Gesellschaftskritik drinsteckt und die Charaktere mehr Fleisch bekommen. Um dann mit dem Wissen im Kopf die DVD umso mehr zu genießen, die ich mir sicherlich holen werde. :-)

Kommentare:

andy hat gesagt…

"Klischeefiguren ohne Hintergrund und ohne eigene Motivation, quasi ausschließlich über Männer definiert." Ohne jetzt Handlung oder geschichtlichen Hintergrund zu kennen: Könnte das nicht auch am Frauenbild Victor Hugos oder dem seiner Epoche liegen? Ich mein, wo gibts denn in der Literatur aus der Entstehungszeit Frauen, die aus eigenem Antrieb zur Durchsetzung eigener Ziele handeln?

Keks hat gesagt…

Was die Charaktere angeht, lies mal das Buch. Die Figuren kriegen ALLE mehr Hintergrund. Klar, die Initiative liegt bei den Männern, aber nun ja, 19. Jahrhundert. Und Javerts Selbstmord ist im Buch alles, nur nicht unmotiviert :)
Die Thénardiers sind im Film wirklich unnötige Witzfiguren, das ist im Musical schon etwas weniger extrem und im Buch auch deutlich anders.

schildmehdchen hat gesagt…

@Andy/beide: Ja, ich weiß, dass es das 19. Jahrhundert ist. Schade finde ich es trotzdem, zumal es auch aus der Zeit Bücher mit Frauencharakteren gibt, die weniger fremdbestimmt wirken.

@Keks: Hatte ich doch gehofft, dass du das sagst. ;-) Dann werd ich mir das Buch mal auf die Liste setzen, was ich dieses Jahr noch lesen will. *g*